Am 10. Oktober steht die psychische Gesundheit weltweit im Fokus. Die diesjährigen Kampagnen zeigen, wie wichtig es ist, psychische Belastungen anzusprechen, die eigene Gesundheit zu stärken und Menschen mit persönlichen Erfahrungen ernst zu nehmen. Entscheidend ist jedoch, was aus dem Zuhören folgt.
Psychische Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit. Belastungen im Beruf, Konflikte im persönlichen Umfeld, gesellschaftliche Veränderungen oder einschneidende Lebensereignisse können das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen. Trotzdem wird über psychische Belastungen häufig erst dann gesprochen, wenn die Situation bereits schwierig geworden ist.
Der Welttag der psychischen Gesundheit bietet Gelegenheit, dieses Thema stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dabei geht es nicht nur um psychische Erkrankungen, sondern auch um die Frage, wie wir unsere psychische Gesundheit im Alltag erhalten und stärken können.
Sechs Impulse für den Alltag
In der Schweiz setzt die Kampagne «Wie geht’s dir?» auf einen niederschwelligen Zugang. Sie vermittelt sechs Impulse für die psychische Gesundheit und zeigt, wie diese im Alltag umgesetzt werden können.
Der Ansatz ist pragmatisch: Psychische Gesundheit lässt sich nicht allein durch gute Vorsätze sichern. Sie wird auch dadurch beeinflusst, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, Beziehungen gestalten, Belastungen bewältigen und Unterstützung annehmen. Die Kampagne ermutigt dazu, über das eigene Befinden zu sprechen, statt Schwierigkeiten möglichst lange für sich zu behalten.
Die sechs Impulse bieten einen Einstieg, um die eigene Situation zu reflektieren und konkrete Veränderungen im Alltag auszuprobieren. Sie ersetzen keine professionelle Hilfe, können aber dazu beitragen, Belastungen früher wahrzunehmen und Gespräche darüber zu erleichtern.
Die Impulse und praktische Anregungen findest du auf wie-gehts-dir.ch.
Psychische Gesundheit braucht auch gesellschaftliche Veränderung
Neben der individuellen Ebene gibt es eine gesellschaftliche Dimension. Die Mad Pride Schweiz setzt sich für die Sichtbarkeit, Akzeptanz und Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein. Am 10. Oktober 2026 findet dazu eine Veranstaltung auf dem Bundesplatz in Bern statt.
Auch der Youth Mental Health Day widmet sich am selben Tag der psychischen Gesundheit. Im Zentrum stehen Jugendliche und junge Erwachsene sowie die Frage, wie sie im Zeitalter von Social Media und künstlicher Intelligenz psychisch gesund leben können.
Beide Initiativen machen deutlich, dass psychische Gesundheit nicht allein eine individuelle Aufgabe ist. Das soziale Umfeld, gesellschaftliche Erwartungen und die verfügbaren Unterstützungsangebote beeinflussen ebenfalls, wie Menschen mit Belastungen umgehen können.
Wer psychische Gesundheit fördern will, darf deshalb nicht nur fragen, was der einzelne Mensch anders machen sollte. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Bedingungen wir in Familie, Ausbildung, Beruf und Gesellschaft schaffen.
Zuhören muss Konsequenzen haben
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt den diesjährigen Welttag unter das Motto «Lived experiences heard: real voices, real change». Sinngemäss bedeutet das: Menschen mit eigenen Erfahrungen psychischer Erkrankungen sollen gehört werden, damit sich tatsächlich etwas verändert.
Der Gedanke geht über das blosse Zuhören hinaus. Betroffene verfügen über Erfahrungen und Wissen, die in der Gestaltung von Unterstützungsangeboten und Versorgung berücksichtigt werden müssen. Sie sollen nicht nur über ihre Erlebnisse berichten, sondern Entscheidungen mitgestalten können, die ihr Leben betreffen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Gespräch allein verändert noch keine Rahmenbedingungen. Erst wenn Erfahrungen ernst genommen werden und daraus konkrete Konsequenzen entstehen, wird Beteiligung wirksam.
Die WHO-Kampagne 2026 fordert deshalb, Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Erkrankungen an der Entwicklung, Umsetzung und Bewertung von Angeboten zu beteiligen.
Was bedeutet das für den Arbeitsalltag?
Auch Unternehmen und Führungskräfte können einen Beitrag leisten. Psychische Belastungen entstehen nicht ausschliesslich durch berufliche Faktoren. Die Arbeitsbedingungen können jedoch dazu beitragen, Belastungen zu verstärken oder abzufedern.
Dazu gehören beispielsweise klare Zuständigkeiten, realistische Arbeitsmengen, Handlungsspielräume, ein respektvoller Umgang und die Möglichkeit, Schwierigkeiten frühzeitig anzusprechen. Ebenso wichtig ist, dass Hinweise auf Überlastung nicht als persönliches Versagen interpretiert werden.
Eine Organisation, die psychische Gesundheit ernst nimmt, beschränkt sich deshalb nicht auf einzelne Aktionstage oder Informationsveranstaltungen. Sie überprüft auch ihre Arbeitsbedingungen, den Umgang mit Fehlern und Konflikten sowie die Wirksamkeit ihrer Präventionsmassnahmen.
Das verlangt keine perfekte Arbeitswelt. Es verlangt die Bereitschaft, Probleme wahrzunehmen, Ursachen zu untersuchen und Verbesserungen umzusetzen.
Ein Anlass zum Handeln
Der Welttag der psychischen Gesundheit erinnert uns daran, dass psychisches Wohlbefinden Aufmerksamkeit verdient – im persönlichen Alltag ebenso wie in Organisationen und in der Gesellschaft.
Die sechs Impulse der Schweizer Kampagne bieten konkrete Anregungen für den Alltag. Veranstaltungen wie die Mad Pride und der Youth Mental Health Day schaffen Sichtbarkeit und Raum für Austausch. Die internationale WHO-Kampagne geht einen Schritt weiter und fordert, die Erfahrungen Betroffener in Entscheidungen einzubeziehen.
Für mich liegt darin der entscheidende Punkt: Psychische Gesundheit wird nicht dadurch gestärkt, dass wir einmal im Jahr darüber sprechen. Sie wird gestärkt, wenn wir im Alltag hinschauen, Belastungen offen ansprechen, Unterstützung ermöglichen und aus gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen ziehen.
Zuhören ist der Anfang. Entscheidend ist, was wir daraus machen.





